Horumersiel/Hooksiel (15. 1. 2025) – Wenn der Hooksieler Rolf Matthes von den Anfängen der „Likedeeler“ erzählt, wird die raue See lebendig, über die die Männer des Shantychores in ihren Liedern häufig berichten. Mitglieder der Segelkameradschaft Horumersiel (SKHS) wollten um 1970 das Rettungsboot eines havarierten Frachters erwerben. Das Motorboot mit dem späteren Namen „Likedeeler“ sollte auf dem Seeweg von Bremen nach Horumersiel gebracht werden.

Ein gefährliches Unterfangen. Bei hohem Wellengang und kräftigem Wind spritzte die Gischt über das offene Boot. Die völlig durchnässten Männer erreichten ihr Ziel aber sicher und wärmten sich in ihrer Stammkneipe am Hafen wieder auf. Sie beschlossen, den Kaufpreis für das Boot „lik to deelen“. Das heißt: Zu gleichen Teilen zu übernehmen. Damit war auch der Name für das Gemeinschaftsboot gefunden.
Wurzeln in der Segelkameradschaft
„Segeln ist ja ein Sport für die schöne Jahreszeit“, schildert der langjährige Vorsitzende der „Likedeeler“, Hardwig Gerdes, im Gespräch mit „Hooksiel-life“. „Aber die Mitglieder der 1967 gegründeten Segelkameradschaft wollten auch an den Winterabenden ihr Vereinsleben pflegen. Damit sie für die Unterhaltung nicht bezahlen mussten, beschloss man, selbst zu singen.“ So riefen Segler um Ommo Siuts, Hans Luiken, Hans-Gerd Eilers und Gustav Mammen einen Shantychor ins Leben und nannten ihn ebenfalls „Likedeeler“. Die „Likedeeler“ waren der Überlieferung nach Freibeuter um den berüchtigten Kapitän Klaus Störtebeker, die ihre Beute gerecht unter sich aufteilten

„Charly“ Braun war der Wirt des Vereinslokals „Weiße Möwe“ und er konnte Akkordeon spielen. Er übte mit den Seglern die Lieder ein. Offizielles Gründungsdatum des Shantychores ist der 7. Januar 1971. In diesem Januar wird der Chor, dem seither stets 20 bis 25 Männer angehörten, 55 Jahre alt. Gefeiert wird der Geburtstag am kommenden Samstag mit einem Grünkohlessen im Restaurant „Zum Deichgrafen“ in Förrien.
Chor sucht Nachwuchs
Bei der Zusammenkunft mit rund 50 Personen werde aus zwei Gründen die Geschichte des Chores im Mittelpunkt stehen, so Gerdes. Zum einen habe man vor fünf Jahren das 50-jährige Jubiläum aufgrund der Corona-Pandemie nicht feiern können. Zum anderen sei es durchaus nicht sicher, wie lange die „Likedeeler“ noch auf der Bühne stehen können.
„Wir planen zunächst für die nächsten drei Jahre“, so der Vorsitzende. „Aber unsere Mitglieder werden immer älter. Wir haben allein drei Sänger, die 90 Jahre oder älter sind. Wir brauchen dringend Nachwuchs. Das Singen ist nachweislich gesund für die Lungen und auch für die Psyche und gilt ganz besonders für den Gesang in einer Chorgemeinschaft!“
Den letzten größeren Mitgliederschub erhielt die Formation vor einigen Jahren nach der Auflösung des Shantychors Hooksiel. Damals schlossen sich unter anderem Heinrich Theilen, Alfred Rohe und Wolfgang Schmuderer dem Chor im Nachbarort an.
Akkordeon als Begleitung
Zu den Männern der ersten Stunde gehörte Rolf Matthes (90). Der Hooksieler wurde damals in den Shantychor nur aufgenommen, weil er Vorschoter auf der „Likedeeler“ war. Hardwig Gerdes (71), der von Kindesbeinen an mit Musik aufgewachsen ist – sein Vater war der Schmied Anton Gerdes, der „singende Amboss“ –, wurde 1980 von Gerrit Mennen als Mitsänger geworben. „Ich war damals mit Abstand das jüngste Mitglied“, erinnert sich der Waddewarder. „Und ich musste noch vorsingen …“.


Aufnahme -Prüfungen gibt es bei den „Likedeelern“ längst nicht mehr. Interessierte könnten sich jederzeit bei einer Probe melden und schauen, ob der Chorgesang etwas für sie ist, so Gerdes. Zu den Chorproben trifft man sich jeden ersten, dritten und vierten Montag eines Monats, jeweils von 19 bis 21 Uhr, im Gemeindehaus der katholischen Kirche in Schillig.
Seit jeher, so Gerdes, lege man viel Wert auf musikalische Qualität. „Wir singen immer drei-, oft auch vierstimmig“, betont der Vorsitzende. Das sei ein Markenzeichen der „Likedeeler“. Entsprechend intensiv trainiere man. Musikalischer Leiter der Formation ist der ehemalige Berufsmusiker Ulrich Hellkuhl aus Hooksiel. Zu seinen Vorgängern gehörte Günther Dohrmann, damals Lehrer in Hohenkirchen, Werner Blisse, Peter Schmidt und Hans Gerhard.
Ebenso wichtig für einen maritimen Klangkörper: Eine gute Akkordeon-Begleitung. Viele Jahre übernahmen das Hajo Tjarks und Bernhard Polter. Als sich dann mal eine Vakanz ergab, fand man in der Waddewarder Keyboard- und Kirchenorgel-Spielerin Richtje van der Wielen einen sehr guten Ersatz. Auf die Frage: „Kannst du eigentlich auch Akkordeon spielen?“ kam von ihr die Antwort – „Nein, aber das kann ich ja lernen …“ Ein paar Monate später begleitete die gebürtige Niederländerin den Chor und übernahm auch die musikalische Leitung bevor sie leider viel zu früh verstarb.
Musikalisches Aushängeschild
„Im Gemeindehaus in Schillig fühlen wir uns sehr wohl“, sind sich Gerdes und Matthes einig. Die ersten Jahre habe man auf einem Bauernhof bei Horum geprobt, danach im Schuppen der Segelkameradschaft in Horumersiel, bis am Speicherpolder ein Hotelbau geplant wurde. Die Musiker zogen in den „Piratenkeller“ im Haus des Gastes um. Und wieder wurden sie Opfern von großen Investitionsplänen. Der Bau des Thalasso-Zentrum stand an und der Übungsraum wurde als Lager benötigt.
Über Jahrzehnte waren die „Likedeeler“ so etwas wie das musikalische Aushängeschild des Wangerlandes. In Spitzenzeiten hatten sie zwischen 50 und 60 Auftritte im Jahr. Gut 25 Mal im Jahr seien sie allein von der Wangerland Touristik GmbH gebucht worden, etwa für Gastspiele bei der Bootsausstellung in Düsseldorf oder in den Niedersachsen-Vertretung in Bonn oder in Hannover. Auch fanden regelmäßig Hafenkonzerte in Hooksiel und Horumersiel statt.
Auftritte in ganz Deutschland
In guter Erinnerung habe man auch noch die Auftritte bei der „Eiswette“ in Bremen, beim Yachtclub Lemwerder oder bei der Einweihung neuer Hotels der Upstalsboom-Kette, mit der man über Jahre in enger Verbindung stand. „Aber Auslandsreisen haben wird nicht unternommen“, so Gerdes.
Auch auf eine Reihe von Shantychor-Treffen blicken die Musiker gern zurück. Ebenso auf eine schöne Chorfahrt mit dem Akkordeonorchester Schortens nach Bingen und auf etliche maritime Adventskonzerte in Schillig, Waddewarden, Tettens und Hooksiel. Zu den Höhepunkten aus den Anfangsjahren gehört für Matthes ein Auftritt zu einem runden Geburtstag der 2010 verstorbenen Volksmusik-Sängerin Maria Hellwig in Neuharlingersiel.
Schallplatten und CDs
Was die Erinnerungen überdauern wird, sind die Schallplatten und CDs, die der Shantychor produziert hat. Die erste Single mit vier Liedern wurde im Tonstudio von Rolf Simson in Bremen Anfang der 1970er Jahre aufgenommen. Sie trug den Namen „Y’heave ho!“ Die gesamte Produktion habe damals 600 D-Mark gekostet, erinnert sich Matthes. „Verkauft haben wir die Platten dann für 5 Mark.“
Neben der Single hat er in seiner privaten Sammlung noch einige Exemplare der vier später produzierten Langspielplatten mit maritimen Liedern aus dem Wangerland. Danach entstanden noch einige CD’s im Tonstudio Albrecht bei Eggelingen. Die letzte CD, die die „Likedeelers“ damals unter musikalischer Leitung von Werner Blisse aufnahmen, entstand 2010. Ihr Titel: „Fernweh“ – ein weiteres Dauerthema bei den Seglern und in den Shanties.









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