Von Henning Schmidt
Hooksiel (24. 10. 2026) – Meine Oma Irmgard Gaedcke, geb. Biesenthal, wurde am 1. März 1913 geboren und starb am 24. Februar 1998. In ihren Lebenserinnerungen von 1917 bis 1960 schreibt sie auch viel über ihre geliebten Großeltern Tjart und Margerete Wilters aus Hooksiel.
Lebenserinnerungen der Oma
Meine Oma verbrachte vor allem als Kind viel Zeit bei ihren Großeltern, auch wenn sie eigentlich mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Wilhelmshaven wohnte. Ein Grund dafür war die schwere Behinderung ihrer Schwester, die die Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch nahm. In den aufgezeichneten Erinnerungen meiner Oma wird ihre Schwester eher wenig erwähnt.

Aus Erzählungen meiner Oma wussten wir aber bereits, was durch Nachforschungen dazu im Jahr 2025 traurige Gewissheit wurde: Meine Großtante Wilma kam aufgrund ihrer Behinderung 1942 in die sogenannte „Heil- und Pflegeanstalt Wehnen“, wo sie – nach der Befreiung – am 12. Mai 1945 in Folge der Hungereuthanasie der Nazis starb.
Von Wangerooge nach Hooksiel
Aber zurück zu schöneren Erinnerungen, zurück nach Hooksiel und zu meinem Ururopa. Tjart Wilters wurde am 11. September 1851 auf Wangerooge geboren, seine Familie gehörte vermutlich seit mehreren Generationen zur Seefahrerschaft der Insel – älteste Erwähnungen des Familiennamens reichen bis 1772 zurück.
Nach der Zerstörung Wangerooges während der großen Sturmflut 1854/55 siedelte die Familie nach Hooksiel über – nach den Erinnerungen meiner Oma war Tjart 9 Jahre alt, was dann 1860 gewesen wäre. Noch zu Lebzeiten meiner Oma lebte die Mutter von Tjart bei der Familie, zu seinem Vater ist zu der Zeit nichts überliefert.
Tjart heiratete, wahrscheinlich 1885, Margarete Wilhelmine Marie Wilts. Diese wurde am 31. Oktober 1864 geboren. Die beiden bekamen vier Töchter: Else Wilhelmine Theodore, geboren etwa 1887/88 – die Mutter meiner Oma; Clara Mathilde Sophie, ca. 1889; Henny Johanne Marie, ca. 1892 und Käthe Olga Margarethe, ca. 1894.

Ab 1892 wird Tjart im „Jeverschen Wochenblatt“ als Schiffskapitän, in Kirchbüchern als Schiffseigner geführt. Tjart fuhr mit seinem Schiff „Marie“, einer Galiot, nach Norwegen und England. Meine Oma schreibt, er habe „14 Mann“ an Bord gehabt – bei jeder Rückkehr nach Hooksiel wurden die Kinder des Ortes von diesen an Bord mit „Schiffskeksen und Kakao bewirtet“. Zwischen 1900 und 1907 sind Fahrten der „Marie“ historisch belegt.
Schiff „Marie“ vor Helgoland verloren
Was unklar bleibt: Tjart erzählte meiner Oma mehrfach, wie er sein Schiff bei Helgoland verlor. Sie weiß das Jahr nicht mehr, widerspricht aber ausdrücklich einer Darstellung im Buch „450 Jahre Hooksiel“ des Hooksieler Heimatforschers Hans Ney. Dort wird ein anderer Kapitän beziehungsweise ein Schiff namens „Maria“ genannt.
Meine Oma besteht in ihren Erinnerungen darauf, dass Tjarts Schiff „Marie“ hieß – was auch zeitgenössische Quellen belegen. Wann und unter welchen Umständen die Marie verloren ging, ist bislang ungeklärt. Auch wissen wir nicht, ob alle Besatzungsmitglieder gerettet wurden.
Onkel gründet Navigationsgeschäft
Anschaulich hat meine Oma immer davon berichtet, wie ehrfürchtig die Kinder im Ort die „hohen Herren“ begrüßten, den Paster, den Oberlehrer, Gendarm – und eben Kaptein, ihren Opa. Soziales Prestige bedeutete damals aber keine wirtschaftliche Stärke. Sie schreibt davon, dass ihr Opa regelmäßig sagte „Wie möt jo förs Oller spoarn.“ Das war also auch damals schon ein wichtiges Thema!
Glück hatte mein Ururopa in dieser Hinsicht aber mit seinem Cousin Tanne Cassens. Der wurde nicht nur als toller „Onkel“ für die Kinder beschrieben, sondern gründete ein Navigationsgeschäft, ganz offensichtlich das heute noch in Bremerhaven bestehende Cassens & Plath im Jahr 1902. Er kam zu einigem Wohlstand und schenkte meinen Ahnen sein bisheriges Hooksieler Haus, das diese dann vermieten konnten.

Die Hooksieler Kinder nahmen meine Oma zunächst nicht mit offenen Armen auf, denn: „De snackt keen Platt.“ Sie erinnert sich aber, das Hooksieler Platt in wenigen Tagen gelernt zu haben. Und zudem habe der Sohn von Holzhandlung Brader gesagt „Irmgard Wilters gehört dotou.“ Und damit war alles geregelt. Wenn es noch Braders in Hooksiel und umzu gibt: Danke für diese Geste!
Fast beim Spielen im Siel ertrunken
Fast aber hätte es gar keine Erinnerungen und keine Familiengeschichte gegeben: Im Alter von wahrscheinlich fünf Jahren stürzte meine Oma beim Spielen ins Siel – während der Sielmeister drauf und dran war, die Sieltore zu öffnen, was meine Oma und einen mitgerissenen Jungen in die Jade gezogen hätte. Glücklicherweise warnten andere Kinder den Sielmeister und er zog mit einem Haken beide aus dem Wasser und rettete so ihre Leben.
Ich sehe heute noch die weit aufgerissenen Augen meiner Oma vor mir, wenn sie Jahrzehnte später davon berichtete. Seitdem war ihr Wasser wenig geheuer – und sie hat, soweit ich mich erinnere, niemals Fisch gegessen. Zum Glück hat sich das nicht vererbt!
Noch mit 80 Jahren Ersatz-Lotse
Noch einmal zurück zu Tjart: Meine Oma beschreibt ihn als sehr rüstig, mal habe er mit Mitte 70 zu Fuß die Kinder in Wilhelmshaven besucht, zudem sei er noch mit dem Ruderboot auf die Jade gefahren zum Angeln und habe noch mit 80 als Ersatz-Lotse auf der Jade gearbeitet, wenn Bedarf war.
Ebenfalls schreibt sie davon, dass er zu den Hooksieler Seenotrettern gehörte, die bei Sturmflut mit „12 Mann“ im Ruderboot in die Jade stachen, um Seeleuten zu helfen. Meine Ururoma habe dann immer eine Kerze ins Fenster gestellt, bis er wohlbehalten wieder zurück war.
Wer kennt Familie Wilts?
So reich und lebendig der Schatz der Erinnerungen meiner Oma ist, so treibt mich doch die Neugier. Wer war die Familie Wilts, also die meiner Ururgroßmutter? Gibt es noch Nachfahren in Hooksiel? Was ist über sein Schiff bekannt, gibt es vielleicht gar noch irgendwo ein Bild? Wo haben meine Ururgroßeltern gewohnt? Und gibt es Aufzeichnungen zur Seenotrettung in Hooksiel?
Sollten sich dazu Erinnerungen finden, wäre ich sehr erfreut.
Anmerkung: Der Autor des Artikels, der Ur-Ur-Enkel von Tjart und Margerete Wilters, lebt in Oldenburg. Wer Ihn bei seinen Recherchen zu seiner Familiengeschichte unterstützen kann und möchte, kann sich gern an „Hooksiel-life“ (Email: infos@hooksiel-life.de) wenden. Je nach Wunsch werden die Informationen weitergeleitet oder ein Kontakt zum Autor hergestellt.









