Wangerland (27. 5. 2026) – Wer nach Schuldigen für das Desaster beim Bau des Thalasso Meeres Spa (TMS) in Horumersiel und für die Insolvenz der Wangerland Touristik GmbH (WTG) sucht, darf nach Überzeugung von Reiner Tammen nicht nur Ereignisse der vergangenen vier Jahren in den Blick nehmen. In einer persönlichen Betrachtung weist der Kreistagsabgeordnete und stellvertretende Landrat der Grünen darauf hin, dass sämtliche Entscheidungen zum Bau des TMS im Rat der Gemeinde einstimmig gefasst wurden.
Erste Fehler liegen lange zurück

Tammen (Foto, 71) war über Jahrzehnte führendes Mitglied im Rat der Gemeinde Wangerland. Nach einem Umzug nach Jever gab er im vergangenen Jahr sein Mandat nach 34 Jahren im Amt zurück. Nach seinem Eindruck seien die Wangerländer und die Kommunalpolitik nicht nur die zurückliegenden vier Jahre, sondern mindestens 35 oder sogar 45 Jahre „ziemlich ziellos, oder eher planlos mit der WTG umgegangen“.
Es sei nicht seine Absicht, irgendjemanden aus der Verantwortung zu nehmen, beteuert Tammen. „Natürlich sind auch in der WTG selbst Fehler gemacht worden. Aber nur dadurch ist die heutige Situation so nicht entstanden.“
Der Grünen-Politiker blickt unter anderem zurück auf das Jahr 1991, auf den Bau des Gästehauses in Hooksiel. Damals wehrte sich Tammen mit einigen Hooksieler Bürgerinnen gegen das Projekt. „Leider konnte der Bau aber nicht mehr verhindert werden.“ Das Gebäude habe sich aus seiner Sicht, und auch aus Sicht der WTG, wie erwartet als überflüssig erwiesen. „Die Kosten, die die WTG pro Jahr zuschießen muss, belaufen sich auf 400.000 bis 500.000 Euro.“
Der Bau des Gästehauses sei eine politische Entscheidung gewesen. Als dann WTG und Gemeinde vor einigen Jahren den Beschluss fassten, das Gebäude zu verkaufen, gingen die Hooksieler Bürger auf die Barrikaden. Einem Investor, der das Gästehaus zu einem Hotel umbauen wollte, musst abgesagt werden. Das Gebäude blieb im Eigentum der WTG. Das, so Tammen, sei „beispielhaft für den fahrlässigen Umgang mit dem Vermögen der WTG“.
Horumersiel contra Hooksiel
Das Muster, das der Grüne als Motiv dahinter sieht: „Horumersiel hat ein Schwimmbad, Hooksiel braucht auch eins. Das gleiche gab es natürlich auch schon mal umgekehrt.“ Als das Wellenfreibad in Horumersiel fast fünf Jahre defekt gewesen sei, seien die Besucherzahlen im Wangerland nicht zurückgegangen. „Aber das neue Bad, die ,Friesland-Therme‘, wurde natürlich trotzdem gebaut, denn Hooksiel hatte ja auch eins.“
Als weiteres Beispiel verweist Tammen auf das Hallenwellenbad (HWB) in Hooksiel. Die WTG wollte das in die Jahre gekommene Bad schließen und die Räume für ein modernes Indoor-Spielzentrum nutzen. Aber wieder seien die Hooksieler Bürger auf die Barrikaden gegangen. „Hooksiel ohne Schwimmbad, geht ja gar nicht …“. Obwohl, so die Überzeugung von Tammen, die Gäste das Bad kaum nutzten. Das Bad habe jahrelang über 500.000 Euro Zuschuss von der WTG benötigt. Zuletzt sollen es 800.000 Euro gewesen sein.
Vor Protesten eingeknickt
Ähnlich die Geschichte vom Kurmittelhaus in Horumersiel. Wie Tammen sich erinnert, stand es seit langem leer und es gab keine Nutzungsmöglichkeiten. Die WTG habe zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Björn Mühlena (bis 2021) einen Investor gefunden, der das Haus kaufen, abreißen und durch ein großes Hotel ersetzen wollte.
„Als das Projekt bekannt wurde, waren es dieses Mal die Horumersieler, die sich dagegenstellten. In der öffentlichen Sitzung des Gemeindeentwicklungs-, Planung- und Sanierungsausschusses, die ich leitete, waren im Saal des Gästehauses Horumersiel etwa 350 Gäste“, erinnert sich Tammen. Schnell sei klar gewesen, dass im Saal nicht ein einziger Gast war, der für das Projekt gewesen wäre. Er habe den 350 Gästen dann gesagt, dass nun die WTG selber etwas auf dem Gelände bauen müsse und dass das sicher nicht billig werden würde. „Mit 23 Millionen Euro hätte aber wohl niemand gerechnet, aber es gab ja auch noch gar keine Pläne für irgendwas.“
Widerstände überall
Ähnlich sei der Plan für einen Hotelbau am Speicherpolder gescheitert. „Wieder gab es einen Investor, wieder gab es großen Widerstand. Somit waren auch diese Pläne schnell vom Tisch.“ Beide Investoren wären auch bereit gewesen, die „Friesland-Therme“ zu übernehmen oder zumindest mit zu nutzen. Das Bad verursachte zuletzt nach der Darstellung von Tammen jährliche Kosten von um 1,2 Millionen Euro.
Bei allen Versuchen, die WTG mit neuen Einnahmequellen zu versorgen, habe es Widerstand in der Bevölkerung gegeben. „Egal ob der Campingplatz in Hooksiel an der Bäderstraße, oder die Tiny-Houses in Schillig, nichts von allem wurde von den Hooksielern oder Horumersielern wirklich gewollt. All das wurde immer als Konkurrenz für die hiesigen Vermieter empfunden und somit abgelehnt und nur gegen großen Widerspruch durchgeboxt.“
Hinzu kam, dass durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgericht der Strandeintritt als Einnahmequelle wegbrach. Die daraufhin eingeführten Parkgebühren konnten das Loch nur bedingt stopfen.
Auf Einnahmen verzichtet
Und nicht nur das. Tammen erinnert daran, dass vor einigen Jahren die Fremdenverkehrsabgabe eingeführt wurde. Diese kommunale Abgabe wird von allen Unternehmen und Vermietern erhoben, die vom Tourismus Vorteile haben. Ihr Zweck ist die Finanzierung der touristischen Infrastruktur und Angebote in den Orten, die als Kur-, Erholungs- oder Küstenbadeort anerkannt sind. Die ermittelte Höhe der Abgabe habe bei 574.200 Euro gelegen. Das Volumen der erhobenen Abgabe sei dann aber, so Tammen, vor etwa zehn Jahren auf 350.000 Euro gesenkt worden. „Wieder ging eine politische Entscheidung zu Lasten der WTG.“
Die Entscheidung sei nachvollziehbar gewesen. Aber wieder hätten der WTG dadurch 224.000 Euro gefehlt. Die WTG habe vor ihrer Insolvenz jährlich über eine Million Euro allein fürs Marketing ausgegeben. Tammen: „Geld, dass der ganzen Gemeinde, der Region zugutekommt, der WTG aber nicht angemessen erstattet wurde.“
Jedes Jahr Loch von 3 Millionen
Die Kosten für die beiden Schwimmbäder, die Gästehäuser und die nicht ausgeschöpfte Fremdenverkehrsabgabe zusammengenommen, sei die WTG mit einem zu erwartenden Defizit von über 3,1 Millionen Euro in jedes neue Geschäftsjahr gegangen. Die letzten Geldbringer seien die Campingplätze gewesen. Die Überschüsse von dort seien benötigt worden, um die Ausfälle bei den Schwimmbädern und Gästehäusern zu kompensieren. „Das heißt aber wiederum, dass es in den letzten Jahren keine Investitionen in die Plätze gab. Was natürlich bedeutet, dass es einen riesigen Investitionsstau bei den Campingplätzen gibt“, so Tammen.
„Ich behaupte, dass Politik und WTG sehenden Auges in die Insolvenz gelaufen sind. Das Thalasso Meeres Spa, das eigentlich neuen Anschub für die Gemeinde bringen sollte, hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, stellt Tammen fest. Die Frage, ob es auch so gekommen wäre, wenn das TMS statt 23 Millionen Euro „nur“ 12 Millionen gekostet hätte, sei müßig. Zu den Gründen für die Kostenexplosion beim Bau des TMS bleibe abzuwarten, was die Gutachter ans Licht bringen.
Alle Beschlüsse einstimmig
Als „nicht schön“ empfindet es der Grünen-Politiker aber, wenn heute Fraktionen oder Gruppen im Rat so täten, als hätten sie das Debakel schon immer so kommen sehen. Gerade aus den Reihen der Gruppe der Unabhängigen sei zwar immer wieder Zweifel angemeldet und Kritik geübt worden. „Aber nachdem die Geschäftsführung der WTG genauere, zusätzliche Zahlen und Informationen vorgelegt und erklärt hat, hat auch die ZUW immer allen Beschlussvorlagen zugestimmt“, erinnert sich Tammen. „Alle, absolut alle Beschlüsse das TMS betreffend, wurden im Rat einstimmig gefasst. Nur einmal hat sich eine Ratsfrau enthalten.“
Anmerkung: Reiner Tammen hat seinen Blick auf den Kontext des TMS-Debakels bereits im vergangenen Jahr zusammengefasst. Warum erscheint der Bericht darüber erst heute auf „Hooksiel-Life“? Weil ein Ende der Debatte über das Thema nicht abzusehen ist. Sein Beitrag erweitert den Blick über die Frage der „Schuld“ im juristischen Sinne und die Suche nach betriebswirtschaftlichen Fehlern in der WTG hinaus.













