Wangerland (27. 8. 2026) – Die letzten Kapitel zum Thema Thalasso-Desaster sind noch nicht geschrieben. Auch ist die Frage noch offen, mit welcher Überschrift sie versehen werden müssen: „Pleiten, Pech und Pannen“ oder eher „Größenwahn, Unfähigkeit und Untreue“. Noch laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Am Mittwochabend gab die Gruppe der Unabhängigen im Rat der Gemeinde Wangerland (ZUW) im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung einen Einblick in ein Zwischengutachten eines Bausachverständigen, der im Auftrag der Gemeinde die Kostensteigerung von 4,7 über 8,8 auf am Ende über 20 Millionen Euro nachvollziehbar machen soll. Das Papier liegt seit April wurde, wurde aber bislang von der Gemeinde mit Verweis auf rechtliche Bedenken unter Verschluss gehalten. Die gute Nachricht, so ZUW-Sprecher Dieter Schäfermeier: Der Gutachter geht von Gesamtkosten von „nur“ 21,6 Millionen Euro aus. Zuletzt waren 23 Millionen und mehr befürchtet worden.
Mit Bemühen um Transparenz gescheitert
Wohl auch am großen Interesse an dem Gutachten dürfte es gelegen haben, dass sich über 50 Interessierte im Dorfgemeinschaftshaus in Hohenkirchen einfanden, in dem zunächst Ratsfrau Geraldine Vogdt das Wahlkampfprogramm der Wählergemeinschaft „Pro Wangerland“ und die Erkenntnisse aus der bisherigen Arbeit im Gemeinderat vorstellte. Dabei habe das Bemühen um Transparenz beim Bau des „Thalasso Meeres Spa“ (TMS) in Horumersiel einen Schwerpunkt gebildet. Als ZUW sei man allerdings lange mit dem Bemühen um mehr Kontrolle der Wangerland Touristik GmbH (WTG) bei dem Bauvorhaben an der Ratsmehrheit gescheitert.
Erst Ende 2024 sei das Ausmaß der Kostensteigerungen offenkundig geworden. Wie Geraldine Vogdt sagte, sei sie eine von zwei Anzeige-Erstattern, die die strafrechtlichen Ermittlungen in der Angelegenheit ins Rollen gebracht hätten. Auch weil sie immer wieder mitten in der Nacht Lastwagen beobachtet habe, die Baumaterialen zur TMS-Baustelle gebracht und dort hinter einem Bauzaun abgelegt hätten – für jedermann zugänglich. Ohne Annahmekontrolle.

Schäfermeier (rechts, zusammen mit Bernd Abrahams), der nach erste Bedenken im Rat an den letzten 64 Baubesprechungen des im Sommer 2024 eingeweihten Gesundheitstempels teilgenommen hat, stellte eine Zusammenfassung des Gutachtens vor, das für Nicht-Baufachleute kaum verstehbar sei.
Eine sich durch das Papier ziehende Erkenntnis: Es fehlen prüffähige Unterlagen wie Protokolle, Nachweise, Bautagebücher, Bauablaufpläne und Prüfberichte. Bei der WTG habe man nicht einmal ein eigenes Baukonto für das Großprojekt eingerichtet, so dass alle Rechnungen über das laufende Girokonto des Unternehmens abgewickelt werden mussten.
Architekt schon überbezahlt?
Aus den Lücken in der Dokumentation und der fehlenden Transparenz der Unterlagen ergeben sich eine Fülle von Streitpunkten. So habe der Architekt etwa aus Sicht des Gutachters auf Grundlage der ursprünglichen Kostenberechnung in Höhe von 8,8 Millionen Euro einen Honoraranspruch von rund 1,5 Millionen Euro. Mit für den Fachmann zum Teil nicht nachvollziehbaren Kostensteigerungen stieg auch die Honorarforderung des Architekten. Ausgezahlt wurden etwa 2,8 Millionen Euro. Der Gutachter geht von einer Überzahlung in Höhe von 1,4 Millionen Euro aus. Der Architekt seinerseits hat hingegen noch Nachforderungen von mehreren Millionen Euro angemeldet.
Als Fehler habe sich erwiesen, dass die WTG als Auftraggeberin die Projektleitung eigenständig übernommen hat. Die Projektabwicklung sei von dieser Seite ohne jede Fachkenntnis, Kontrolle und Führung erfolgt. Von Auftragnehmern wurden Rechnungen gestellt, ohne dass die erforderlichen Nachweise dafür erbracht wurden. „Die vertraglich vereinbarte Prüfung der Einhaltung von Verträgen und Leistungen wurde nicht ordnungsgemäß durchgeführt“, heißt es in dem Gutachten.
Missmut auf der Baustelle
Und das alles zu Zeiten von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg, die zwar aus Sicht des Gutachters nur für einem geringen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich waren, die aber die Bauabläufe deutlich beeinträchtigt haben dürften – und in der Folge ohne die nötige Kommunikation zwischen Bauherren, Architekten und Baufirmen zu Missmut und Chaos auf der Baustelle geführt haben. „Die Bauleitung war völlig überfordert“, so der Eindruck von Schäfermeier.

Ein wesentlich Faktor für die immensen Kostensteigerungen waren aus Sicht der ZUW die immer neuen Wünsche des damaligen Geschäftsführers der WTG. Nach einem Besuch der Thalasso-Einrichtungen auf Norderney im Juli 2020 habe er offenbar eine Fülle neuer Erkenntnisse gewonnen, die zu erheblichen Umplanungen (und Verteuerungen) des Projektes in Horumersiel führten. Wie der Gemeinderat erst 2024 erfahren habe, musste deshalb seinerzeit bereits ein neuer Bauantrag gestellt werden.
Pleite beim geplanten Wasserfall
Unter anderem musste der ursprünglich für die Fassade vorgesehene Bockhorner Klinker weißen Steinen weichen, eine Kältekammer wurde bestellt, neue Edel-Fliesen geordert. Farbe wurde als Wandverzierung als zu schnöde bewertet. Holztüren ersetzten Standardtüren, Lampen, Behandlungsplätze – alles sollte vom Feinsten sein.
Ein Eingangsbereich mit Tresen aus Edelhölzern und einem Wasserfall an der Wand wurde konzipiert. Allein der Wasserfall habe 60.000 Euro gekostet, schilderte Schäfermeier. Der Preis für die Sonderanfertigung musste die WTG im voraus zahlen. Da dann das beauftragte Unternehmen pleite ging, war das Geld futsch – und der Wasserfall Geschichte.
Ähnlich bunt eine Posse um die Sprechfunkanlage, über die im Brandfall die Patienten in den Behandlungsräume gewarnt werden sollen. Auf Wunsch der Geschäftsführung sollte darüber auch Musik abgespielt werden können. Es wurde eine entsprechende Software installiert – die aber nur englische Sprache übermittelt. Für Brandschutzzwecke also wenig hilfreich. Auch Nachbesserungen gestalteten sich schwierig, zumal es keine Dokumentation dazu gibt, wo welche Stromkabel verlegt wurden. Also mussten die schönen neuen Wände teilweise wieder aufgeklopft werden …
Suche nach Verantwortlichen
Eine Frage, die die anschließende Debatte beherrschte: Wer hätte wann das drohende Chaos beim Thalasso-Bau stoppen können – und vielleicht auch müssen? Schließlich werde durch die Insolvenz der WTG Vermögen der Gemeinde vernichtet. Warum, so wollte Manfred Meppen, ehemaliger Beamter in Diensten der Gemeinde, wissen, habe niemand zum Beispiel die Kommunalaufsicht eingeschaltet?
Als Grund dafür verwiesen Geraldine Vogdt, Dieter Schäfermeier und Immo Müller (UWW) und Pro-Wangerland-Bürgermeisterkandidat Bernd Abrahams darauf, dass man sich im Rathaus lange Zeit nichts vom Ausmaß des Desasters gewusst habe. Die WTG brauche nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Unterstützung, habe es von anderen Gruppierungen geheißen. Unter anderem hatte die WTG-Geschäftsführung Schäfermeier vorgeworfen, eine Hetzjagt zu betreiben.
Der Hooksieler hatte schon Anfang 2022 Zweifel an der Wirtschaftlichkeits-Berechnung fürs Thalasso gezweifelt. „Grundlage dafür waren Massagezahlen aus dem alten Reh-Zentrum aus 2007/2008.“ Um das Zentrum wirtschaftlich betreiben zu können, hätten die geplanten Mitarbeiter 16 bis 24 Stunden am Tag arbeiten müssen. An ein drohendes jährliches Millionen-Defizit mochte im Rathaus niemand glauben. Immo Müller: „Ich gehe davon aus, dass der Bürgermeister und auch der größte Teil des Rates dem Geschäftsführer voll vertraut haben.“ Die tatsächlichen Zahlen seien lange weder dem Rat noch der Verwaltung bekannt gewesen.











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