Wangerland (20. 5. 2026) – Das Thalasso-Desaster wird das eines der Schlüsselthemen für den Kommunalwahlkampf. Das wurde am Dienstagabend bei einer öffentlichen Veranstaltung der Wählergruppe Pro Wangerland (WPW) in Horumersiel deutlich. Dabei stellte der Vorstand die Schwerpunkte für die nächste Wahlperiode vor.

Intensiver diskutiert wurden aber die Ursachen der Kostenexplosion beim Bau des „Thalasso Meeres Spa“ (TMS) und die Folgen für Horumersiel, wenn die insolvente Wangerland Touristik GmbH (WTG) tatsächlich einen privaten Investor für das Grundstück Zum Hafen 3 finden sollte, auf dem neben dem TMS das Dorfgemeinschafts- und Gästehaus samt WTG-Verwaltung, Kursaal und Kurpark untergebracht sind.
Vier Schwerpunktthemen
Wie Ratsfrau Geraldine Vogdt sagte, habe sich die Wählergruppe für die Zeit nach der Wahl am 13. September vier Schwerpunkte auf ihre Fahnen geschrieben. Um den Mehrwert des Tourismus zu erhöhen, wolle man mit den touristischen Leistungsträgern in der Gemeinde den so genannten Leitbildprozess aus dem Jahr 2017 wieder aufnehmen und darin entwickelte Projekte umsetzen. Dazu gehöre auch die Stärkung des Tourismus im Innenland des Wangerlandes, etwa durch die Nutzung der Wasserwege für Paddel- und Pedal-Stationen.
Eine weitere Idee von Pro Wangerland: Ein Bürgerbudget. Dafür sollen 70.000 Euro bereit gestellt werden, die für Bürgerprojekte vorgesehen sind. Welche Projekte bedacht werden, entscheiden die Wangerländer am Ende eines Jahres in öffentlicher Abstimmung. Vogdt: „Das wäre ein Stück direkte Demokratie.“
Zentrale Förderstelle
Im Rathaus soll nach dem Willen der WPW eine „zentrale Förderstelle“ einrichtet werden. Ein auf Fördertöpfe des Landes, des Bundes und der EU spezialisierte Mitarbeiter soll die Kommune, aber auch auch Wirtschaftsbetriebe aus der Gemeinde, beraten, wo welche Zuschüsse zu bekommen sind. „Zurzeit lassen wir viel Geld liegen. Wir brauchen die Förderungen dringend, um unsere Infrastruktur in Ordnung bringen zu können.“ Ein Projekt, das nur mit Fördermitteln zu realisieren sei, wäre nach den Worten von Ratsherr Carsten Ihnken die maritime Umgestaltung des Zentralparkplatzes in Horumersiel, auf dem eine Wasserfläche an den ehemaligen Hafen erinnern könnte.
Als viertes Thema setzt die Wählergruppe auf die Erneuerung von alten Windkrafträdern durch moderne, leistungsstärkere Anlagen („Repowering“). Dadurch solle die Zahl der Windkrafträder verringert, die erzeugte Energieleistung und damit die Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinde aber erhöht werden. Die Ausweisung neuer Windpark lehnt die WPW ab.

„Pro Wangerland“ wurde 2017 vom Hooksieler Dieter Schäfermeier (Foto) als „Pro Hooksiel“ gegründet. Hauptthema damals: Die drohende Schließung des Meerwasser-Hallenwellenbades in Hooksiel.
Später kam der Protest gegen ein geplantes Hotel im Speicherpolder in Horumersiel hinzu. Bei der Kommunalwahl 2021 erhielt die Wählergruppe über 20 Prozent der Stimmen und zog mit fünf Vertretern in den Gemeinderat ein. Mit der UWW und BfB bildete man die siebenköpfige ZUW-Gruppe, den „Zusammenschluss der Unabhängigen Wangerland“ – die dritte Kraft neben SPD und der Gruppe „Gemeinsam fürs Wangerland“ (GfW), zu der sich CDU, Grüne und FDP zusammengefunden haben.
Kontrolle extrem schwierig
Schäfermeier erinnerte daran, dass 2021 bereits alle Grundsatzbeschlüsse zum Bau des „Thalasso Meeres Spa“ gefasst wurden. Der vorherige Rat hatte das mit 4,59 Millionen Euro veranschlagte Projekt beschlossen und schließlich – nach einem Beschluss zur Aufstockung des Gebäudes samt Dachbegrünung – mit veranschlagten 8,8 Millionen Euro auf den Weg gebracht. Was der Rat nicht wusste, so Schäfermeier, war, dass schon das Ergebnis der ersten Ausschreibung schon bei 12,7 Millionen Euro lag.
Der Weg zu den tatsächlichen Kosten von am Ende mindestens 23 Millionen bezeichnete Schäfermeier als Folge einer „Nicht-Ahnung von Bau“. Die Politik habe Kostensteigerungen zugestimmt, allerdings ohne vollständige Informationen. Den allgemeinen Vorwurf, der Rat als Gesellschafterversammlung der gemeindeeigene WTG habe nicht aufgepasst, hält Schäfermeier nur für bedingt zutreffend. „Das war auch extrem schwierig. Was ist dem Rat nur vorwerfen kann ist, dass er Pro Wangerland so lange ausgebremst hat.“
Extrawünsche und Sprachlosigkeit
Die Unabhängigen waren mit Forderungen nach Prüfung der Wirtschaftlichkeit und Kontrolle des Baufortschritts mehrfach gescheitert. Erst ab Anfang 2024 durfte Schäfermeier als Ratsvertreter und zur Verschwiegenheit verpflichtet an einer Baubesprechung teilnehmen. 67 weitere folgten. Auf seinen Rat hin wurden externe Sachverständige und Gutachter hinzugezogen. Dank der Initiative des SPD-Fraktionssprechers Holger Ulfers sei zudem eine „Lenkungsgruppe“ als Quasi-Aufsichtsrat der WTG installiert worden.
Rechtsanwälte der Gemeinde hätten dazu geraten, das kürzlich vorgelegte Ergebnis eines Gutachtens mit Blick auf laufende Ermittlungen nicht öffentlich zu machen. Dennoch vermittelte Schäfermeier der Runde einen Einblick. Ein Großteil der Mehrkosten gehe auf nachträgliche Wünsche der WTG zur Ausstattung des TMS zurück: andere Klinker, teurere Fliesen, hochwertigeres Holz für den Tresen und so weiter. Auf der Baustelle habe es nach seinem Eindruck so gut wie keine Kommunikation zwischen Projektleitung, Architekten und Handwerksbetrieben der unterschiedlichen Gewerke gegeben. Das habe zu Verzögerungen, Mehrarbeit und Chaos auf der Baustelle geführt.
Thalasso-Kur für Kassenpatienten?
Was die nachträgliche Aufarbeitung erschwere sei, dass es keine Dokumentation gebe. Ein Bautagebuch es nicht. So sei es auch nur schwer nachvollziehbar, welche Rechnung für welche Leistung angemessen war und ist. Die von Dr. Christian Kaufmann, Insolvenz-Rechtsbeistand der WTG-Geschäftsführung, genannten 37 Millionen Euro als mögliche Gesamtkosten für das Projekt hält Schäfermeier dennoch für überzogen. „Ganz so dick kommt es nicht.“
Er halte 23 Millionen weiter für realistisch. Die noch ausstehenden Gläubigerforderungen aus dem Baugewerbe in Höhe von 14 Millionen Euro seien nicht nachvollziehbar. Die drohende Rückzahlung von 8,5 Millionen Euro Fördergelder entfalle, da man das TMS ja als Thalasso weiter betreiben werde. Wirtschaftlich sinnvoller wäre es aus Sicht von Schäfermeier aber, dass Gebäude für Kuren von Kassenpatienten zu öffnen. Er rate dem Insolvenzverwalter, entsprechende Verhandlungen mit den Krankenkassen aufzunehmen.
Saal für Horumersiel erhalten
Unterstützen will die WPW Bemühungen aus Horumersiel, zumindest den Kursaal als öffentlich nutzbaren Veranstaltungsort zu erhalten. Allerdings: Aktuell läuft eine europaweite Ausschreibung, mit der die WTG einen Käufer für das Gesamtensemble sucht. Durch die Erlöse soll ein Teil der Forderungen gedeckt werden. Zudem könnte ein Hotelbetreiber das Thalasso mit nutzen.
Da der Gemeinderat über die Bauleitplanung durchaus Einfluss auf die Pläne eines Investors habe, werde man zumindest darauf achten, dass ein Projekt welcher Art auch immer zu Horumersiel passe und einen öffentlichen Versammlungsraum beinhalte, versicherten die WPW-Vertreter.











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